Presseinfo 2006

Badische Neueste Nachrichten

Freitag, 10. Februar 2006



Mit Verständigung gegen Vorurteile

Feierstunde zur Gründung der Deutsch-Türkischen Kulturplattform im Schloss

Vermutlich ahnten die Verantwortlichen kaum, dass ihre Initiative zur Gründung einer Deutsch-Türkischen Kulturplattform als passendes Signal der Verständigung in Zeiten stürmischer Auseinandersetzungen zwischen islamischer und westlicher Welt gerade recht kommt. Umso mehr begrüßten jetzt alle Beteiligten an einer Feierstunde zur Gründung der genannten Plattform im Karlsruher Schloss den Start einer Einrichtung, die gleich mehrere Ziele verfolgt. Sie möchte die Kulturen beider Länder einander vertrauter machen, Vorurteile vielerlei Art aus dem Weg räumen, die Integration der türkischen Mitbürger verbessern helfen und das Verständnis füreinander vertiefen.


Mit Riza Yildiz wählte die Kulturplattform einen Künstler zum Vorsitzenden, der sich selbst als lebendes Beispiel für die deutschtürkische Kultursymbiose betrachten kann: In Ankara lernte er bei Carl Zuckmayers Bruder Eduard Dirigieren, und auch seine Violinlehrerin war deutsch. Später studierte Yildiz in Freiburg. Inzwischen lebt er seit 40 Jahren in Deutschland und leitet heute das erfolgreiche Streicherzentrum Diapason in Durlach (wir berichteten). Dankbar betrachtete er die Chance, die ihm deutsche Mitbürger eingeräumt hätten, als Privileg. Als Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Kulturplattform schweben ihm nun Visionen vor, in deren Mittelpunkt Achtung und Toleranz stünden.

Ernst Müller, Bürgermeister im Ruhestand und Yildiz' Stellvertreter, beschwor die Türkei als Träger eines großen historischen Erbes, zu deren Teilen auch die christliche Kultur gehöre, und das beiderseitige Interesse, sich besser kennen und verstehen zu lernen. Kulturreferent Michael Heck nannte Karlsruhe eine Stadt des Dialogs und der Neugier, die bereits vor zwei Jahren mit den Europäischen Kulturtagen zum Thema Istanbul die Türkei als Faktor des europäischen Geisteslebens gewürdigt habe und sagte der Kulturplattform städtische Unterstützung zu.


Auch Harald Siebenmorgen, der Chef des gastgebenden Landesmuseums, skizzierte in seinem historischen Abriss die Bedeutung der Türkei als Erbe einer der ältesten Hochkulturen Europas und nutzte die Gelegenheit, den Appetit des Publikums auf die nächste große Landesausstellung zum Thema "Vor 12 000 Jahren in Anatolien" anzuregen. Sie wird den Blick auf die ältesten Monumente der Menschheit richten.


Gleichzeitig plädierte der Museumsdirektor vor dem Hintergrund der zurzeit angespannten Situation dafür, dass sich die islamische und die westliche Sphäre auf gleicher Augenhöhe begegnen sollten, und wünschte sich, dass Ausstellungen etwa in Damaskus, Kairo oder Beirut auch einmal über die Kultur der Europäer informieren sollten. Auch auf islamischer Seite bestehe "Informationsbedarf über uns". Erdogan Kök, türkischer Generalkonsul in Karlsruhe und Mitinitiator der Kulturplattform, wandte sich gleichfalls gegen die Defizite im wechselseitigen Verständnis.

Cenk Biyik, Karlsruher Spitzentenor und "türkischer Pavarotti", die hochbegabte und brillante Geigerin Sophie Alscher, Cornelia Menke-Gengenbach und Carl Robert Helg am Flügel sowie die junge Langhalslautenspielerin Nilay Serasma gaben der Feierstunde ein überaus wohlklingendes Profil.

Ulrich Hartmann